Diese Seite widmet sich den Schicksalen serbischer Zivilisten und Soldaten, die im Ersten Weltkrieg in k. u. k. Lagern interniert, expatriiert, als Geiseln genommen, unter Hausarrest gestellt oder konfiniert wurden. Die Informationen werden mit neuen Erkenntnissen laufend ergänzt.
Aufschluss über die Umstände in den Kriegsgefangenen- und Internierungslagern sowie die Belegungszahlen geben unter anderem Tagebücher, Lagerpost, Nachkriegsmemoiren, Stadtchroniken, Kirchenbücher, österreichisch-ungarische und serbische Presse sowie Militärberichte und amtliche Dokumente wie Lagerlisten oder Totenprotokolle. Neben den schriftlichen Zeugnissen der Zeit sind auch zahlreiche Fotografien, einzelne Filmaufnahmen sowie vereinzelt Kunstwerke erhalten geblieben. Mithilfe dieser Quellen konnte Einblick in das Alltagsleben der Gefangenen gewonnen und die Rekonstruktion einiger einzelner Schicksale unternommen werden. Das Material wurde in Archiven und Bibliotheken in Serbien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Kroatien, Italien, Griechenland und Österreich gesammelt. Da sich zahlreiche Geschichtszeugnisse immer noch als Erinnerungsstücke im Privatbesitz der Familien befinden, war Feldforschungsarbeit erforderlich.
Die erhalten gebliebenen Verzeichnisse der Internierungs- und Kriegsgefangenenlager geben Informationen über die Namen und das Alter der Gefangenen, die Totenprotokolle über die Verstorbenen. Seltener sind diesen Listen weitere biografische Daten zu entnehmen. Diese Verzeichnisse sind bei weitem nicht vollständig.
Abertausende kehrten aus der Gefangenschaft nicht zurück. Sie starben an Krankheiten, Unterernährung, mangelnder Hygiene, Kälte oder schwerer Arbeit. Heute zeugen wenige Denkmäler und einige erhaltene Friedhöfe von der Existenz der Lager. In Österreich stehen diese unter dem Schutz und der Pflege des Österreichischen Schwarzen Kreuzes.
Sowohl während der Kriegshandlungen zwischen August und Dezember 1914 als auch nach der Okkupation Serbiens ab Ende 1915 zählten Gebildete jeglichen Alters aufgrund ihres, laut Militär-Generalgouvernement, „schädlichen Einflusses“ zu den Internierten. Die breite Mobilisierung im Königreich Serbien umfasste zudem alle Gesellschaftsschichten. Somit befand sich die gesamte serbische Bevölkerung aller Nationalitäten, beider Geschlechter und jeglichen Alters in den Lagern: Lehrerinnen und Lehrer, Bäuerinnen und Bauern, Handwerker, Händlerinnen und Händler, Industrielle, serbisch-orthodoxe Priester, Politiker aller politischen Ausrichtungen, Ärztinnen und Ärzte, Professorinnen und Professoren, Architektinnen und Architekten, Dichterinnen und Dichter, Schauspielerinnen und Schauspieler, Malerinnen und Maler … Darunter der Mathematiker Prof. Dr. Milutin Milanković, der Verleger Géza Kohn, der Opernsänger und Schauspieler Aleksanadar Binički, der Maler Marko Murat, die Schauspielerin Vukosava Spasić, die Lehrerin Darinka Berić, die Architektin Dr. Jelisaveta Načić und der Architekt Dr. Jovan Ilkić, der Arzt Dr. Jovan Dimić, die Dichter Sima Pandurović und Velimir Živojinović Masuka sowie der Philosoph Dr. Miloš Perović.
Nur wenige von ihnen führten ein Tagebuch oder schrieben ihre Erinnerungen an die Zeit in Gefangenschaft in Memoiren nieder.
„Wozu der Gedanke! […] Das Leben ist eine schmutzige Sache. Es ist nur für die Tiere, die keinen Verstand haben und nur nach den Gesetzen der Natur leben. […] Wenn es schon ein Leben geben musste, dann hätten die Menschen bewusstlose Nebelsträhnen sein sollen. […] Oh, Wirklichkeit, du bist so hinterhältig, dass du dich sogar vor deiner eigenen Begeisterung schämst […] Die Melancholie hinderte mich nicht daran, dass in mir eine Leidenschaft entflammte, die mich dazu trieb, jeglichen Genuss bis an meine Kraftgrenzen und bis zur Erschöpfung auszuschöpfen […] Torkelnd auf meinen Krücken gerate ich häufig in Gefahr zu stürzen, nur um eine Ameise nicht zu zertreten. Gleichzeitig bin ich in der Lage, seelenruhig eine ganze Schar feindlicher Soldaten zu erschießen. Die mir bisher unbekannte Sehnsucht nach dem Verbrechen zog eine Maske des Patriotismus über meine Seele.“
(Miloš Perović, 1934)
Ab August 1914 begann die Deportation der Bewohner des Königreichs Serbien sowie der gefangengenommenen Soldaten der serbischen Armee. Die ersten Kriegsgefangenen und Zivilinternierten stammten aus Nordwestserbien, der Gegend rund um die Flüsse Drina und Save. Nach der sogenannten „ersten Invasion” im August 1914 sowie nach der „zweiten Invasion”, die von Oktober bis Dezember 1914 (Schlacht an der Kolubara, Kampf um Belgrad) stattfand, wurden Tausende Zivilisten und Soldaten deportiert. Die Gesamtzahl der serbischen Kriegsgefangenen in Österreich-Ungarn im ersten Kriegsjahr kann auf 45.000 geschätzt werden. Die ersten Gruppen serbischer Kriegsgefangener in Mauthausen in Oberösterreich wurden im November 1914 direkt von der Front deportiert oder aus den Lagern in Westungarn überstellt. Das KGL Mauthausen erhielt vom ersten Tag an den Beinamen „Serbisches Lager“, den es bis zum Kriegsende behielt. Viele der im Sommer 1914 Gefangengenommenen starben bereits während des Transports oder in den ersten Tagen und Monaten. Die Ursachen hierfür waren Erschöpfung, Krankheiten und vor allem Kälte sowie unzureichende Unterkünfte.
Aufgrund der Fronterweiterung kam es im Laufe des Jahres 1915 zu zahlreichen Umsiedlungen von Gefangenen aus Nordungarn nach Westungarn, Österreich und Deutschland sowie in geringer Zahl in das Osmanische Reich. Die zweite große Gruppe serbischer Kriegsgefangener erreichte die Gefangenenlager auf dem Gebiet des heutigen Österreichs im Winter 1915/1916. Im serbischen Nachkriegsnarrativ gelten die Lager Frauenkirchen/Boldogasszony, Neusiedl am See/Nezsider, Mauthausen und Aschach an der Donau als die „vier serbischen Golgathas”. In den Narrativen der Serben aus Bosnien und Herzegowina über den Ersten Weltkrieg sind hingegen die Internierungslager Doboj (Bosnien) und Arad (Rumänien) die grausamsten Orte des serbischen Exodus überhaupt. In diesen Lagern waren die Gefangenen der Willkür der regionalen Militär- und Zivilverwaltungen ausgesetzt. Die drastische Gewaltanwendung war in diesen beiden Lagern keine Seltenheit. Sie wurde zur Regel, und im Unterschied zu den anderen Lagern wurden hier alle Punkte der Haager Konvention missachtet.
(Siehe Bibliografie: „Ein Blatt vom Baum in den Donauwellen: Kriegsgefangenenlager Mauthausen 1914–1918“)
Der Philosoph und Dichter Dr. Miloš Perović (1874–1918) studierte in Wien und Leipzig und promovierte 1906 in Zürich. Anschließend arbeitete er als Professor für Deutsch und Philosophie und publizierte. Nach Kriegsausbruch meldete er sich als Freiwilliger. Bereits 1914 wurde er als Reserveoffizier der serbischen Armee schwer verwundet, sodass ihm ein Bein amputiert werden musste. Als Serbien 1915 nach der deutsch-österreichisch-ungarisch-bulgarischen Offensive okkupiert wurde, befand sich Perović in einem Flüchtlingskonvoi, wurde gefangen genommen und in ein Kriegsgefangenenlager deportiert. Er wurde dreimal verlegt. Im KGL Mauthausen setzte er das Schreiben seiner lange vor dem Krieg begonnenen Aufzeichnungen fort. Dieses Mal handelte es sich um fragmentarische Gedanken unter dem Titel „Beilage zum Nirwana“ auf Deutsch. Nachdem Perović 1918 als Invalide im Rahmen eines französisch-deutschen Gefangenenaustausches zuerst nach Italien und daraufhin nach Frankreich gekommen war, setzte er das Schreiben wieder in Serbisch fort. Er starb einige Monate vor dem Kriegsende in Paris an den Folgen seiner Verletzungen.
(Siehe Bibliografie: „Ein Blatt vom Baum in den Donauwellen: Kriegsgefangenenlager Mauthausen 1914–1918“)
Der Maler Pavle Paja Predragović (1884–1928) wurde in Szenttamás (ab 1918 Srbobran) geboren und war Staatsbürger Österreich-Ungarns. Bereits als Kind zog er mit seiner Familie nach Belgrad. Nach seiner Ausbildung blieb er als Lehrer an der Kunstschule in Belgrad. Er meldete sich als Freiwilliger in die Serbische Armee. Predragović wurde 1915 verwundet, ebenso sein ehemaliger Kunststudent Nikola Džanga (1892–1960). Nach der Okkupation Serbiens im Herbst 1915 wurden beide aus dem Spital in Valjevo in das Kriegsgefangenenlager Aschach an der Donau deportiert, wo sie bis Kriegsende blieben.
(Siehe Bibliografie: „U potrazi za jednom pričom iz zarobljeništva – Pavle Paja Predragović u Ašahu na Dunavu“)
Aksentije Đedović (1892–1964) aus dem Dorf Stubo bei Valjevo (Serbien) leistete gerade seinen Grundwehrdienst, als der Krieg ausbrach. Als junger Soldat war er in den Reihen der serbischen Armee an den Schlachten an der Drina beteiligt, wo er gefangen genommen und in das Gefangenenlager Frauenkirchen deportiert wurde. Im Lager blieb er bis zum Kriegsende.
(Siehe Bibliografie: „Der Große Krieg“)
Živko Topalović (1886-1972) war Jurist und Publizist sowie vor dem Krieg Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei Serbiens. Er diente als Reserveoffizier in den Balkankriegen und im Ersten Weltkrieg. Während der Okkupation Serbiens wurde er gefangengenommen und in das Lager Aschach an der Donau deportiert. 1917 kam er im Rahmen eines Offiziersaustauschs frei und stellte sich in die Dienste des Serbischen Roten Kreuzes.
Als Geiseln wurden insbesondere angesehene Serben genommen, darunter die drei serbischen Schriftsteller Aleksa Šantić (1868–1924) und Svetozar Ćorović (1875–1919) in Mostar sowie Ivo Vojnović (1857–1929) in Dubrovnik, aber auch der Maler Marko Murat (1864–1944) in Dubrovnik. Sie wurden in ihren jeweiligen Wohnbezirken gefangen gehalten. Im Falle „feindlicher Aktionen“, Unruhen und Revolten der Einheimischen gegen die österreich-ungarische Armee sollten sie hingerichtet werden. Diese Praxis wurde zuerst in Bosnien und Herzegowina, dann auch in Dalmatien, Dubrovnik, Istrien, Slawonien, dem Banat und der Bačka sowie in Ungarn und Österreich angewendet und im weiteren Kriegsverlauf auf Serbien und Montenegro ausgeweitet. Die Geiseln blieben nicht immer in den Gefängnissen.
Nach Beginn der Kriegshandlungen wurden sie auch als Absicherung gegen Angriffe der serbischen Armee vor den Truppen getrieben oder auf Brücken, in Zügen und an anderen strategischen Positionen als Schutzschilde für die eigene Mannschaft und das eigene Eigentum missbraucht.
Über einige Serben wurde Hausarrest verhängt. In der Julikrise betraf das vorwiegend, aber nicht ausschließlich, die Staatsbürger des Königreichs Serbien, die sich zu der Zeit in Österreich-Ungarn aufhielten. Im weiteren Kriegsverlauf wurden sie aus dem Hausarrest bzw. aus den Gefängnissen in Internierungslager deportiert und, falls sie aus diesen entlassen wurden, konfiniert.
Während des gesamten Krieges setzte man die Deportation von Serben als Zivilinternierte in österreichische und ungarische Lager fort. Unter ihnen befanden sich tausende Frauen und Kinder sowie serbisch-orthodoxe Priester aus Bosnien und Herzegowina, Dalmatien, Istrien, Slawonien, dem Srem, der Bačka und dem Banat sowie aus den Königreichen Serbien und Montenegro. Im gesamten Königreich Serbien wurden Bewohner aller sozialen Gruppen interniert, darunter überproportional viele gebildete Menschen jeglichen Alters – wegen ihres „schädlichen Einflusses“.
Die Expatriierung ganzer Familien samt Enteignung ihres Gesamtbesitzes war eine weitere Maßnahme zur Wiederherstellung der Ordnung, von der abertausende Serben aus Bosnien und Herzegowina, Slawonien sowie den Regionen Srem, Bačka und Banat betroffen waren.
(Siehe Bibliografie: „Im eigenen und im fremden Land gefangen: Serbische Internierte des Ersten Weltkrieges in Österreich-Ungarn“)
Der in Belgrad geborene Opernsänger und Theater- sowie Filmschauspieler Aleksandar Aca Binički (1885–1963) schloss sein Schauspiel- und Gesangsstudium in München ab. Zu Kriegsbeginn war er Mitglied des Zagreber Theaters und wurde als Serbe in Neusiedl am See interniert. Nach seiner Entlassung stand er in Zagreb als Konfinierter unter Beobachtung. Sein Bruder war der serbische Komponist Stanislav Binički, der das Orchester der Königsgarde in der serbischen Armee dirigierte und 1914 den inzwischen weltberühmten „Drina-Marsch” komponierte.
(Siehe Bibliografie: „World War I’s Boards that Meant Life: The Theatre of Serbian Soldiers and Prisoners of War”)
Der aus Šabac stammende Bora Rašković (1870–1925) war einer der bekanntesten serbischen Schauspieler der Vorkriegszeit. Um 1914 war er am Zagreber Theater engagiert. In Fachkreisen gilt er bis heute als der beste Darsteller der Titelrolle in Dundo Maroje, einer Komödie des Dubrovniker Schriftstellers Marin Držić. Er wurde 1914 in Zagreb verhaftet und als Internierter nach Neusiedl am See deportiert. Nach seiner Entlassung wurde er bis Kriegsende in Zagreb konfiniert.
(Siehe Bibliografie: „World War I’s Boards that Meant Life: The Theatre of Serbian Soldiers and Prisoners of War”)
Der aus Mostar stammende Historiker Dr. Vladimir Ćorović (1885–1941) wurde 1914 in Sarajevo verhaftet, wo er seit 1909 gelebt hatte. Er studierte in Wien Geschichte, Philologie und Archäologie und promovierte 1908. Im sogenannten Hochverrat-Banja-Luka-Prozess wurde er zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Im Jahr 1917 wurde er im Zuge der von Kaiser Karl I. erlassenen Amnestie begnadigt und entlassen.
Der Maler Marko Murat (1864–1944) studierte in Zadar und München, wo er sein Kunststudium im Jahr 1893 abschloss. Im darauffolgenden Jahr übersiedelte er nach Belgrad. Im Sommer 1914 befand er sich in Dubrovnik, als er festgenommen wurde. Anschließend wurde er in verschiedene Internierungslager deportiert, zunächst nach Frauenkirchen, dann nach Neusiedl am See. Schließlich wurde er in Dubrovnik unter Hausarrest gestellt, wo er auch nach dem Krieg lebte. Er war Mitglied der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste.
Der Schriftsteller Svetozar Ćorović (1875–1919) – Bruder des Historikers Vladimir Ćorović –, war einer der bedeutendsten Schriftsteller der Herzegowina. Er verfasste Lyrik, Prosa und Dramen und betätigte sich auch als Zeitungsredakteur. Ab 1910 war er Abgeordneter im Landtag von Bosnien und Herzegowina. In seiner Geburtsstadt Mostar wurde er 1914 zunächst als Geisel festgehalten, anschließend nach Ungarn deportiert und schließlich in die k. u. k. Armee eingezogen. Er kehrte 1917 schwer erkrankt nach Mostar zurück, wo er 1919 verstarb.
Momčilo Nastasijević (1894–1972) gilt als einer der bedeutendsten serbischen Dichter des 20. Jahrhunderts. Die ersten erhaltenen Werke von ihm, drei Gedichte und Aufzeichnungen, stammen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Er schloss sich der serbischen Armee an, wurde jedoch im Herbst 1915 gefangengenommen. Ab 1916 stand er im okkupierten Serbien unter Hausarrest in Milanovac. Diese zwei Jahre waren entscheidend für sein späteres Schaffen. Seine Tagebucheintragungen geben Zeugnis über die ersten Jahre in der Armee und die Zeit im okkupierten Serbien.
(Siehe auch: „Momčilo Nastasijević: Sind Flügel wohl … Gedichte und Prosa.
Aus dem Serbischen von Robert Hodel, Leipzig, 2013”)
Danica Jovanović (1886–1914) war eine Malerin, die in München studiert hatte und dort als Künstlerin und Lehrerin lebte. Sie wurde hingerichtet. Sie war nach Beška gekommen, um den Sommer bei ihrer Mutter und ihren Geschwistern zu verbringen. Doch dann wurden insgesamt 38 Serben aus dieser Ortschaft unter Anklage des Hochverrats verhaftet. Gleich darauf wurden 32 von ihnen in Lager deportiert und Jovanović zusammen mit fünf weiteren Verhafteten in die Festung von Petrovaradin gebracht. Am 12. September wurden sie hingerichtet und in ein gemeinsames Grab in der Nähe der Festung geworfen. Im Jahr 1922 wurden ihre sterblichen Überreste nach Beška überführt und im Hof der serbischen Kirche bestattet.
(Siehe Bibliografie: „Im eigenen und im fremden Land gefangen: Serbische Internierte des Ersten Weltkrieges in Österreich-Ungarn“)
Der Arzt, Politiker, Diplomat und Autor Dr. Vladan Đorđević (1840–1930) studierte in Wien Medizin. Nach dem Studium zog er mit seiner Familie nach Belgrad. Mit seiner Frau, einer Wienerin, hatte er fünf Kinder. Er war Ministerpräsident des Königreichs Serbien und Mitglied der Königlichen Serbischen Akademie der Wissenschaften. Bei Kriegsausbruch war er bereits im Ruhestand. Er wurde 1916 verhaftet. Seine Frau starb bald darauf. Mit einer seiner Töchter und zwei Enkelkindern wurde er in Raabs an der Thaya konfiniert.
(Siehe Bibliografie: „Bečke godine Vladana Đorđevića“)
Géza Kohn (1873–1941) war ein Belgrader Buchhändler und Verleger. Er war mit einer Wienerin verheiratet und hatte zwei Kinder. Kohn wurde 1916 interniert. Alle in seiner Buchhandlung gefundenen Bücher, die auf Englisch, Französisch und Russisch gedruckt waren, wurden öffentlich verbrannt. Er verbrachte drei Jahre im Internierungslager Neusiedl am See. Nach seiner Rückkehr nach Serbien wuchs sein Verlag zu einem der größten im Jugoslawien der Zwischenkriegszeit. Nach der deutschen Besatzung Belgrads im Jahr 1941 wurde Kohn – dieses Mal wegen seiner jüdischen Herkunft – verhaftet und ermordet.
(Siehe Bibliografie: „Der Große Krieg“)
Die Vorkriegspoesie von Sima Pandurović (1883–1960) war vor allem bei der revolutionären Jugend beliebt. Der junge Schriftsteller Ivo Andrić aus Sarajevo, Mitglied der Organisation Mlada Bosna (Junges Bosnien), schrieb 1919 in der Zeitschrift Književni jug (Literarischer Süden) in seinem Artikel über Sima Pandurovićs Poesie: „Als der Gedichtband ‚Posmrtne počasti‘ herausgegeben wurde, war das eines der Bücher, das unsere studentischen Taschen füllte.“ Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Pandurović in die Serbische Armee eingezogen, wegen seiner schlechten Gesundheit aber bald wieder entlassen. Aufgrund einer politischen Rede wurde er 1917 verhaftet und in Frauenkirchen interniert. Später wurde er nach Neusiedl am See verlegt, wo er bis zum Ende des Krieges blieb. Nach dieser Zeit schrieb Pandurović kaum noch Gedichte.
Die Belgrader Architektin Jelisaveta Načić (1878-1955) schloss 1893 als erste Frau ein Architekturstudium an der Technischen Universität von Belgrad ab. Zu ihren Werken zählen mehrere Bauten in Belgrad (darunter eine Schule, ein Krankenhaus, eine Kirche, die Treppe im Kalemegdan-Park etc.). Sie wurde nach der Okkupation Serbiens im Jahr 1916 verhaftet und in das Lager Neusiedl am See deportiert. Dort heiratete sie den albanischen Dichter und Revolutionär Luk Lukai, der wegen seiner politischen Aktivitäten in Shkodra verhaftet und ab 1915 interniert worden war. 1917 bekamen sie eine Tochter. Sie verblieben im Lager, bis es aufgelöst wurde.
Jovan Ilkić (1857–1917) war einer der bedeutendsten serbischen Architekten. Er besuchte ein Realgymnasium in Wien und studierte später Architektur bei Professor Theophil Hansen, in dessen Architektenbüro er auch am Bau des Wiener Parlaments beteiligt war. Ilkić war mit einer Wienerin verheiratet und hatte fünf Kinder. 1883 übersiedelte er mit der Famile von Wien nach Belgrad. Er ist der Architekt vieler bekannter Belgrader Bauten. So begann beispielsweise vor dem Krieg der Bau des serbischen Parlamentsgebäudes (Skupština) nach seinen Plänen. Ilkić wurde interniert und starb im Alter von 60 Jahren im Jahr 1917 im Lager Neusiedl am See.
Die Schauspielerin Vukosava Spasić (1881–1918) wurde in Belgrad verhaftet und ins Lager nach Neusiedl am See deportiert, wo sie im Juni 1918 starb. Im Internierungslager Neusiedl am See wirkten Theatergruppen und später das Theater unter dem Namen „Serbisches Volkstheater”. Hier waren viele serbische Schauspieler, Sänger und Musiker aus Kroatien, Bosnien, der Vojvodina und dem Königreich Serbien interniert, darunter Aleksandar Binički, Bora Rašković und Blagoje Biro. Der Theaterdirektor war Mihajlo Spasić. Kurz nach dem Tod seiner Frau wurde er, schwer erkrankt, nach Belgrad entlassen.
Dr. Živan Živanović (1852–1931) war ein serbischer Politiker und Publizist. Er studierte Naturwissenschaften in Jena und Berlin und schloss sein Studium 1879 in Berlin ab. Er ist Autor zahlreicher politischer, pädagogischer und naturwissenschaftlicher Schriften. 1903 ging er als Bildungsminister Serbiens in Pension. Im Juli 1916 wurde er verhaftet und nach Neusiedl am See deportiert, wo er bis zur Auflösung des Lagers Ende Oktober 1918 blieb.
Ivo Vojnović (1857–1929) entstammte einer bedeutenden serbischen Familie aus Dubrovnik. Er schloss sein Jurastudium im Jahr 1879 in Zagreb ab. Sein Interesse galt jedoch zunehmend dem Theater. 1880 veröffentlichte er sein erstes literarisches Werk und schuf mehrere Theaterstücke, die auch heute noch gerne gespielt werden. Ab 1907 war er Dramaturg am Kroatischen Landestheater in Zagreb. 1914 wurde er in seiner Geburtsstadt Dubrovnik verhaftet und ins Gefängnis von Šibenik gebracht. Während der Gefangenschaft verschlechterte sich seine Gesundheit rapide. Nach dem Krieg verbrachte er einige Zeit in den Spitälern von Nizza und Paris. Er lebte in Dubrovnik und Belgrad, wo er schließlich in einem Krankenhaus starb.
Der berühmte Mathematiker und Wissenschaftler Milutin Milanković (1879–1958), ehemaliger Student der Universität Wien, befand sich während der Julikrise in seinem Geburtsort Dalj in Slawonien. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung im Juli 1914 – noch vor Kriegsausbruch – war er Professor an der Universität Belgrad und serbischer Staatsbürger. Zuerst wurde er nach Osijek deportiert und anschließend in seinem Geburtsort unter Hausarrest gestellt. Als die serbische Armee in den Srem einmarschierte, wurde er zusammen mit anderen Serben nach Osijek gebracht und wenige Tage später nach Karlovac in Kroatien verlegt. Am 21. Oktober 1914 kam schließlich der Befehl für seine Verlegung nach Neusiedl am See. Er blieb bis Ende des Jahres im Lager. Seine Freunde und Kollegen in Wien erreichten, dass er als bekannter Wissenschaftler nach Budapest entlassen wurde, wo ihm die wissenschaftliche Arbeit und die Nutzung der Bibliothek gestattet wurden. Nach dem Krieg kehrte er nach Belgrad zurück.
Mihajlo Pavić aus dem Dorf Mislovo (Kreisbezirk Rogatica, Bosnien) wurde 1914 zusammen mit seiner Frau und seinen fünf Kindern expatriiert, enteignet und mit der ganzen Familie ins Internierungslager Arad (Rumänien) deportiert. Vier Kinder starben an Kälte und Hunger. Daraufhin beging seine Frau Selbstmord. Pavić wurde 1915, obwohl er bereits expatriiert worden war, in die k.u.k. Armee eingezogen und an die Front geschickt. Das einzige überlebende Kind, die achtjährige Tochter Smiljka, wurde als „Fremde” ins Internierunglager Neckenmarkt (Sopronnyék) überstellt, wo sie am 31. Juli 1916 starb.
In einigen wenigen Lagern gab es Theatergruppen, Orchester, Bibliotheken und auch Schulen für internierte Kinder, in denen der Unterricht jedoch nur unregelmäßig stattfand. Über den Unterricht in den Lagern Neusiedl am See, Frauenkirchen und Aschach an der Donau existieren durchaus präzise Aufzeichnungen darüber, welche Kinder die „Schulen” besuchten und wer darin unterrichtete: lauter Lehrer und Schuldirektoren aus serbischen Gymnasien, die ebenfalls interniert waren.
Hier kann man Einsicht in insgesamt sieben Totenbücher aus Kriegsgefangenenlagern in Oberösterreich nehmen.
Das Österreichische Schwarze Kreuz (ÖSK) hat mir die Totenbücher der Lagerfriedhöfe Aschach an der Donau (I und II), Mauthausen, Braunau am Inn, Marchtrenk, Waldfriedhof Urfahr und Wegscheid zur wissenschaftlichen Erforschung und Digitalisierung zur Verfügung gestellt.
Wichtiger Hinweis: Sollten Daten aus den digitalisierten Totenbüchern verwendet werden, ist folgende Zitierweise verpflichtend einzuhalten: „Totenbuch (Name des Lagers), ÖSK, Gordana Ilić Marković“.
Der Bau des KGL Aschach an der Donau begann im Juni 1915, und die überlebenden Serben aus dem Lager Mauthausen wurden hierher überstellt. Bis zum Kriegsende wurden fortwährend gefangene Soldaten und Zivilisten aus Serbien und Italien dorthin deportiert. Auch zahlreiche Gefangene aus anderen Lagern der Monarchie wurden in dieses Kriegsgefangenenlager überstellt. In Aschach wurde eine serbische, handschriftliche Zeitung herausgegeben, die gelegentlich erschien. Wie an anderen Standorten vermischten sich auch in Aschach bis Kriegsende Nationen, Soldaten, Offiziere und Zivilisten. Die Gefangenen wurden zu Arbeitseinsätzen transportiert, unter anderem auch ins Osmanische Reich und an die Front. Nach dem Krieg wurde das Lager abgerissen. Der Lagerfriedhof in Hartkirchen blieb hingegen erhalten.
Das Lager an der Grenze zu Deutschland war ursprünglich für 15.000 Kriegsgefangene ausgelegt und in den Folgejahren auf bis zu 50.000 Plätze erweitert worden. Mit dem Bau der Baracken wurde Ende Juni 1915 begonnen. Die Kriegsgefangenen wurden, wie auch aus den anderen Lagern, zu Arbeitseinsätzen herangezogen. Nach dem Krieg wurde das KGL abgerissen. Der Lagerfriedhof blieb erhalten.
In der letzten Bauphase bestand das Lager aus drei Teillagern, von denen zwei bezogen waren. Die erste Baracke wurde im Dezember 1914 errichtet. Im Lager wurden überwiegend Kriegsgefangene aus Russland, Serbien und Italien untergebracht. Die Zahl der Gefangenen änderte sich ständig – je nach Frontlage – und lag zwischen 15.000 und 35.000. In den ersten Monaten starben viele an Fleckentyphus. Zahlreiche Gefangene wurden aus dem Lager zu Ernte- oder Fabrikarbeiten abtransportiert. Heute zeugt ein Lagerfriedhof von seiner Existenz.
Ende September 1914 wurde mit dem Bau des k. u. k. Kriegsgefangenenlagers Mauthausen, auch „Serbenlager“ genannt, begonnen. Die ersten serbischen Gefangenen wurden Ende Oktober 1914 aus den Lagern in Westungarn oder direkt von der Front nach Mauthausen in Oberösterreich überstellt. Sie waren sehr geschwächt und nur notdürftig bekleidet, zudem waren die vorgesehenen Unterkünfte bei ihrer Ankunft noch nicht bezugsfertig. Hinzu kam eine Typhus-Epidemie. Zahlreiche von ihnen starben, bevor ihre Daten systematisch erfasst werden konnten. Die Zahl dieser Toten und vor allem ihre Namen sind daher nur zum Teil bekannt. Das große Lager, das für bis zu 40.000 Gefangene geplant war, gibt es nicht mehr. An diese Zeit erinnert der Soldatenfriedhof im Ortsteil Reiferdorf.