„… ВАМА ОСТАВЉАМ ОВЕ РЕДОВЕ, ПИСАНЕ
У ТЕШКИМ И МУЧНИМ ДАНИМА …“

Милош Перовић
Kriegsgefangenen- und Internierungslager
Заробљенички логор Харткирхен-Дајнхам код Ашаха на Дунаву обухватао је више од 450 барака.

Заробљенички логори

Im Verlauf des Ersten Weltkrieges gerieten mehr als acht Millionen Soldaten aller beteiligten Staaten in Kriegsgefangenschaft. Es wurden weltweit ebenso zahlreiche Zivilisten interniert und konfiniert. Abertausende kamen aus der Gefangenschaft nicht mehr zurück. Sie starben an Krankheiten, Unterernährung, Kälte oder durch schwere Arbeit. Von der Lagerexistenz zeugen heute einige erhaltene Friedhöfe und wenige Denkmäler.

Map WWI

Gyulafehérvár
germ. Karlsburg
(Alba Iulia, RO)

Arad (RO)

Offenhausen (AT)

Gaspoltshofen (AT)

Marchtrenk (AT)

Pettighofen (AT)

Grödig (AT)

Innsbruck (AT)

Katzenau (AT)

Freistadt (AT)

St. Valentin (AT)

Naarn (AT)

Waidhofen a. d. Thaya (AT)

Karlstein a. d. Thaya (AT)

Großau bei Raabs (AT)

Drosendorf (AT)

Braunau am Inn (AT)

Offenhausen (AT)

Heinrichsgrün
(Jindřichovice, CZ)

Theresienstadt
(Terezín, CZ)

Braunau
(Broumov, CZ)

Zsolna
(Žilina, SK)

Kassa
(Košice, SK)

Lemberg
(Lviv, UA)

Przeworsk (PL)

Przemyśl (PL)

Rzeszów (PL)

Strzyżów (PL)

Hüttendorf (AT)

Stammersdorf (AT)

Wien (AT)

Mannswörth (AT)

Schwechat (AT)

Brunn am Gebirge (AT)

Leobersdorf (AT)

Sopron (HU)

Sopronnyék
(Neckenmarkt, AT)

Boldogasszony
(Frauenkirchen, AT)

Parndorf (AT)

Poszony
(Bratislava, SK)

Szomolány
(Smolenice, SK)

Dejte
(Dechtice, SK)

Nagyszombat
(Trnava, SK)

Nagymegyer
(Veľký Meder, SK)

Esztergom (HU)

Budapest (HU)

Gyöngyös (HU)

Debrecen (HU)

Cegléd (HU)

Nagykáta (HU)

Székesfehérvár (HU)

Lepsény (HU)

Csánig (HU)

Szombathely (HU)

Thalerhof (AT)

Feldbach (AT)

Klagenfurt (AT)

Maribor (SI)

Karlovac (HR)

Zagreb (HR)

Koprivnica (HR)

Mali Bukovec (HR)

Osijek (HR)

Páprád (HU)

Donji Miholjac (HR)

Kostajnica (HR)

Novi Sad (RS)

Timișoara (RO)

Szeged (HU)

Kiskunhalas (HU)

Prijedor (BA)

Doboj (BA)

Brod (BA)

Mostar (BA)

Pernik (BG)

Gorna Dzhumaya
(Blagoevgrad, BG)

Panicharevo (BG)

Lom (BG)

Aleksandrovo (BG)

Karlovo (BG)

Plovdiv (BG)

Stara Sagora (BG)

Haskovo (BG)

Sliven (BG)

Shumen (BG)

Varna (BG)

Dobrich (BG)

Увод: Српски ратни заробљеници и интернирани цивили у Првом светском рату

Die serbischen Kriegsgefangenen und Zivilinternierten befanden sich in den Lagern Österreich-Ungarns, Bulgariens, Deutschlands und des Osmanischen Reiches.1 In die Kriegsgefangenschaft gerieten sie als Soldaten und Offiziere der Serbischen und auch der Österreichisch-Ungarischen Armee.2 Serben wurden sowohl als Staatsbürger der Habsburgermonarchie als auch des Königreichs Serbien als Zivilisten interniert. Zudem wurden sie als Auswanderer aus der Habsburgermonarchie in den Überseeländern mit dem Kriegsausbruch zu „feindlichen Ausländern“ (enemy aliens) und mit anderen Staatsbürgern Österreich-Ungarns und Deutschlands als solche in den Internierungslagern in Kanada und Australien festgehalten.

Laut Daten, die bei der Friedenskonferenz in Paris 1919 vorgelegt wurden, verlor das Königreich Serbien im Ersten Weltkrieg ein Drittel seiner Bevölkerung – 1.247.435 Menschen.3 In der Volkszählung von 1910 hatte das Königreich 2.922.058 und ab 1913, durch die Gebietsvergrößerung nach den Balkankriegen, 4.576.508 Einwohner. Insgesamt 182.000 Militärangehörige und Zivilisten aus Serbien gerieten in Gefangenschaft – 147.677 davon in den Gefangenenlagern Österreich-Ungarns.4 Der Militärhistoriker Dalibor Denda hingegen beziffert anhand der Analyse mehrerer Quellen die Zahl der serbischen Kriegsgefangenen in Österreich-Ungarn mit 154.631.5 Wie stark die Zivilisten, die in diesen Statistiken nicht inkludiert wurden, in Mitleidenschaft gezogen waren, beweist die Angabe, dass es sich bei der oben genannten Gesamtzahl der menschlichen Verluste Serbiens um 402.435 Soldaten und 845.000 Zivilisten handelt. In Summe war fast die Hälfte der Bevölkerung Serbiens in Internierungs- oder Kriegsgefangenenlagern (IL bzw. KGL) – oder ab Ende 1915 als Flüchtlinge außer Landes.6 Im Bericht der serbischen Delegation in Paris 1919 wurde eine geschätzte Zahl von 60.000 in Österreich-Ungarn internierten Serben, von welchen 20.000 gestorben waren und eine Gesamtzahl von über 81.000 in Gefangenschaft der Zentralmächte verstorbenen Soldaten, gemeldet.7 Laut dem Bericht des Roten Kreuzes vom Jänner 1918 befanden sich noch Ende 1917 in den österreichisch-ungarischen Lagern 127.500 serbische Kriegsgefangene und 79.000 Internierte.8 Zur Problematik bei der Datenerfassung von Kriegsgefangenen und Internierten im Ersten Weltkrieg hat die Historikerin Dr. Verena Mortiz eine umfangreiche Analyse publiziert.9

Wie viele Kriegsgefangene und Internierte im Laufe der vier Jahre genau in den Lagern Österreich-Ungarns untergebracht waren, und wie viele Serben es genau unter ihnen gab, lässt sich bislang ebenso wenig feststellen wie die Zahl der Verstorbenen. Obwohl die Angaben, in Bezug auf Gefangene und Verstorbene, variieren und sich mit der Sichtung neuer Quellenbestände die Gesamtzahl ändert, ist ihnen allen gemeinsam, dass sich die höchste Zahl serbischer Gefangenen in den Lagern in Österreich-Ungarn befand und die Anzahl der in diesen Lagern verstorbenen Serben erheblich ist. Die angegebenen Zahlen beziehen sich ausschließlich auf die Bevölkerung des Königreichs Serbien. Jene Abertausende deportierte oder hingerichtete serbische Zivilpersonen, die Staatsbürger der Habsburger Monarchie waren10, sind  hier nicht inkludiert. Ebenso entziehen sich dieser Statistik jene k.u.k. Soldaten und Offiziere serbischer Nationalität, die u.a. in russischer oder italienischer Gefangenschaft verstorben sind.

Die ersten Verhaftungen, Geiselnahmen und Hinrichtungen unter der serbischen Bevölkerung wurden noch vor dem Kriegsausbruch vorgenommen. Nach der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo wurde die orthodoxe Bevölkerung Bosniens, als Vergeltung für das Attentat und wegen des Verdachtes der Illoyalität, mit besonderer Härte bestraft. Diese Maßnahme erstreckte sich bald auf die Serben und auch auf die anderen illoyalen und serbophilen Südslawen in Dalmatien, Slawonien, Istrien und weiteren Gebieten Österreich-Ungarns, wie auf die Staatsbürger des Königreichs Serbien, die sich zu dieser Zeit in der Monarchie befanden. Vorerst wurden sie als politisch unzuverlässig und staatsgefährlich innerhalb ihrer Kreisgebiete als Geiseln oder Gefangene festgehalten.

Wohl die „wertvollste Geisel“ in der Julikrise war der Generalstabschef der Serbischen Armee Radomir Putnik, der sich zur Zeit des Attentats von Sarajewo mit seiner Tochter im steiermärkischen Bad Gleichenberg auf Kur befand. Es herrsche Uneinigkeit darüber, ob er weiter als Geisel gehalten, inhaftiert oder freigelassen werden sollte. Vorerst blieb er unter polizeilicher Beobachtung in Österreich. Als ihm die Rückreise gestattet war, wurde er in Budapest verhaftet. Letztendlich veranlasste Kaiser Franz Joseph I. seine Freilassung. Die Reaktion der Öffentlichkeit11 auf die Entscheidung, eine so „wertvolle Geisel“ freizulassen, bewegte sich zwischen dem Lob der „Ritterlichkeit“ und der Kritik des „Verpassens einer Chance“ Österreichs. General Auffenberg nannte es in seinen Memoiren einen „Beweis einer geradezu seltenen politischen und militärischen Unklugheit, die sich dann auch aufs bitterste gerächt hat“.12

Mit Kriegsausbruch wurden sodann Gefangenenstationen bzw. Gefangenenlager angelegt – in Bosnien und Herzegowina etwa in Derventa, Banja Luka, Bosanski Brod und Mostar; in Kroatien in Slavonski Brod, Osjek und Karlovac oder in Maribor in Slowenien. Im weiteren Kriegsverlauf wurden die gefangenen Zivillisten in die von der Front entferntere Internierungslager nach Ungarn und Österreich verlegt. Die Lager in Bosnien und Kroatien blieben auch später als Etappensammellager erhalten. Die Lage, in die die serbische Bevölkerung der Habsburger Monarchie geriet, ist im außerordentlich umfangreichen Textkorpus (Literatur, Tagebücher, Memoiren, Briefe, Dokumente) dargelegt, in dem Verhaftungen, Ermordungen, Geiselnahmen und Internierungen sowie Angriffe auf serbische Institutionen und ihr Eigentum, sowohl in der Zeit zwischen Attentat und Kriegsausbruch als auch im Kriegsverlauf, dokumentiert wurden. Über die Inhaftierung serbischer Zivilisten wurde die Öffentlichkeit über die Presse regelmäßig informiert – sowohl in der österreichisch-ungarischen Presse Bosnien und Herzegowinas und Kroatiens, als auch in den österreichischen Blättern.

Als Geisel wurden angesehene Serben und Honoratioren genommen.13 Sie alle sollten als Sicherheit im Falle von Übergriffen der Serben dienen. Diese Praxis wurde in der Zeit der Julikrise in Bosnien und Herzegowina, Dalmatien, Istrien, Slawonien, dem Banat und der Bačka wie auch in Ungarn und Österreich durchgezogen, und im weiteren Kriegsverlauf auf Serbien und Montenegro ausgedehnt. Die Geiseln blieben nicht immer in den Gefängnissen, sondern wurden auch als Absicherung gegen Angriffe der serbischen Armee vor den eigenen Truppen getrieben oder auf Brücken, in Zügen oder anderen strategischen Posten als Schutzschild für österreich-ungarische Mannschaften und Eigentum missbraucht. Über den Umgang mit den bosnischen Serben im Sommer 1914 erfahren wir auch aus dem nach dem Krieg veröffentlichten Tagebuch von Egon Erwin Kisch, der sich um diese Zeit mit den österreichisch-ungarischen Truppen am linken Ufer der Drina in Bosnien befand.

7. August 1914 – „[…] kamen wir abends um dreiviertel acht in Bjelina an. […] Auf dem Marktplatz steht ein Galgen, ein Pflock mit einem Nagel oben. Heute sind ein Pope und ein Student gehängt worden. In der Nacht hörten wir Schüsse, es gibt schon Vorpostengeplänkel.“ 8. August – „[…] In einem Wagen fuhr eine verwundete Serbin vorüber. Sie hatte angeblich einen Brunnen vergiftet und war dabei ertappt worden; als sie flüchtete, sandte man ihr einen Schuß nach. Ein Serbe wurde mittels Automobil ins Korpskommando eingeliefert. Er trug die Uniform eines Infanteristen unserer bosnischen Regimenter. Der Junge – er soll ein serbischer Offizier sein – hatte die Augen verbunden. In seinem Gesicht zeugte kein Fältchen von Besorgnis oder gar Angst, obwohl ihm der Tod von Henkershand gewiss ist. […]“

9. August – „[…] Auf der Stationswache sind die Spionageverdächtigen. Ich schaue in die Arreste. In der ersten Zelle stand der junge serbische Offizier in der Bosniakenuniform […]. In der nächsten Zelle waren drei zerlumpte Burschen, Ziegenhirten. Im dritten Raum war ein dunkelfarbiger Mann untergebracht, der die Uniform eines österreichischen Feuerwerkers trug. In der vierten Zelle lag auf einer Pritsche ein Mann mit langem, pechschwarzem Prophetenhaar und Christusbart. […] Er dürfte ein Pope sein. […] In der letzten Zelle waren etwa zwölf Tschuzen (so nennen wir die Landleute), darunter ein ganz alter mir weißem Vollbart, schwarzer Lammfellmütze und roten Strümpfen; auch er soll ein Anhänger des Sarajewoer Princips gewesen sein. Im oberen Stockwerk: die Geiseln. Es sind Honoratioren aus österreichischen Landstrichen, wo Hinterhältigkeiten gegen das Militär vorkamen. Sobald sie sich wiederholen sollen, werden die Geiseln hingerichtet. […]“14

Vom Hausarrest bzw. aus den Gefängnissen wurden sie zum Teil in Internierungslager deportiert und, falls aus denen entlassen, konfiniert. Bei den Konfinierten handelte es sich um gefangene Zivilisten, die sich außerhalb der Lager oder in getrennten Lagerteilen befanden, gewisse Bewegungsfreiheit genossen, über Geldmittel verfügten, um selbst für ihre Unterkunft und Verpflegung aufzukommen, und, im Falle der Unterkunft außerhalb der Lager, sich regelmäßig bei der Polizeibehörde zu melden hatten. In Aschach an der Donau befanden sich 41, in Heinrichsgrün 409 und in Neusiedl am See 271 Konfinierte.15 Unter den konfinierten Ausländern in Raabs an der Thaya16 sind insgesamt 60 Serben aufgelistet. Aus den Angaben ihrer Berufe ist ersichtlich, dass das Konfinieren den höheren Sozialschichten vorbehalten war – Ärzte, Richter, Studenten, Lehrer, Universitätsprofessoren, Gymnasiallehrer, Bankiers, Angestellte, Händler, Juristen, Ingenieure und ein Fabrikbesitzer.

In der Zeit der Julikrise befand sich der berühmte Mathematiker und Wissenschaftler Milutin Milanković, ein ehemaliger Wiener Student, in seinem Geburtsort, in Dalj in Slawonien. Zur Zeit seiner Verhaftung im Juli 1914 war er Professor an der Universität in Belgrad und Staatsbürger Serbiens und wurde als solcher zuerst nach Osijek deportiert, dann unter Hausarrest in seinem slawonischen Geburtsort gestellt. Nachdem die serbische Armee in Srem eingedrungen war, wurde er mit zahlreichen weiteren Serben aus Srem nach Osjek und von dort aus nach Karlovac in Kroatien gebracht. Ende Oktober kam der Befehl für die Verlegung nach Neusiedl am See (damals Nezsider). Seine Freunde und Kollegen in Wien bewirkten, dass er schon Ende 1914 als bekannter Wissenschaftler nach Budapest als Konfinierter entlassen wurde, wo ihm auch die wissenschaftliche Arbeit und das Benutzen der Bibliothek erlaubt wurde. Ein ähnliches Gefangenenschicksal hatten die serbischen Schauspieler Aleksandar Binički17 und Bora Rašković18, die 1914 Mitglieder des Zagreber Theaters waren. Auch sie wurden in Neusiedl am See interniert und standen nach der Entlassung als Konfinierte in Zagreb unter Beobachtung. Dies sind jedoch seltene Beispiele. Unter den Internierten befanden sich viele weitere angesehene Serben, die größtenteils aber bis Kriegsende interniert blieben.

Ab August 1914 begann die Deportation der gefangenen Zivilisten aus dem Königreich Serbien, wie auch der kriegsgefangenen Soldaten der serbischen Armee. Ausgehend von der Verlustliste der serbischen Armee, in der 261 Offiziere, 1.322 Unteroffiziere und 43.576 Soldaten als vermisst geführt wurden, kann als Gesamtzahl der serbischen Kriegsgefangenen in Österreich-Ungarn im ersten Kriegsjahr 45.000 angenommen werden. Es zeigte sich, dass vermisst dem Begriff kriegsgefangen gleichzusetzen war.19 Die internierten Zivilisten wurden hiermit nicht erfasst.20 Die ersten Gefangenen stammen aus Nordwestserbien, der Gegend rund um die Flüsse Drina und Sava, als nach der sogenannten „ersten Invasion“ (August 1914) tausende Zivilisten und Soldaten deportiert wurden. Die „zweite Invasion“, die neue Deportationen mit sich zog, fand von Oktober bis Dezember 1914 (Kolubara-Schlacht und der Kampf um Belgrad) statt. Die Totenbücher der Lager bestätigen diese hohe Anzahl an Gefangenen aus diesen Gegenden. Auch Postkarten aus den Lagern, Fotos und Memoiren ermöglichen das Nachspüren der Schicksale der gefangenen Bewohner dieser Gegend. Ebenso in den literarischen Werken, die im Krieg oder kurz nach dem Krieg entstanden sind und von Schriftstellern, die im Krieg waren, verfasst wurden, werden diese Ereignisse verarbeitet.21

Von den Belegungszahlen und Umständen in den Gefangenenlagern erfährt man aus Militärberichten und amtlichen Dokumenten wie Lagerlisten oder Totenprotokollen, und auch aus Tagebüchern, Briefen, Nachkriegsmemoiren, Stadtchroniken, österreichisch-ungarischer und serbischer Presse. Die Selbstzeugnisse und Presseartikel verlangen dabei eine äußerst kritische Herangehensweise. Die Kriegspresse stand unter Militärzensur und war parteiisch und tendenziös. In Selbstzeugnissen steht nicht unbedingt ein Ereignis, sondern das selbst Erlebte im Vordergrund, wobei durch Verknüpfungen mit der Gegenwart des Erzählers die Erinnerung nolens volens Abweichungen und Veränderungen ausgesetzt wird. Dies ist in allen veröffentlichten Tagebüchern und Kriegsmemoiren zu finden. Die Memoiren, vor allem jene, die mehrere Jahre nach dem Krieg entstanden, unterlagen des Öfteren einer Selbstzensur, bedingt durch zeitliche Distanz ihrer Niederschrift bzw. ihrer Veröffentlichung. Obwohl diesem Textmaterial eine mangelnde Objektivität eigen ist, ist es zugleich außerordentlich wichtig, weil es die Erinnerungen der Kriegsteilnehmer aus persönlicher Perspektive erfasst.22 Neben den schriftlichen Zeugnissen der Zeit blieben sowohl zahlreiche Fotografien als auch vereinzelt die Kunstwerke der Gefangenen erhalten. Mittels dieser Quellen konnte Einsicht in die Welt der Gefangenen genommen und die Rekonstruktion einiger Einzelschicksale unternommen werden.23

Die Regierung des Königreichs Serbien bildete schon am 1. November 1914 im Ministerium des Äußeren eine Informationsstelle, die mit der Aufgabe der Registrierung, Hilfeleistung und dem Austausch der serbischen Kriegsgefangenen und Internierten in Österreich-Ungarn und Deutschland wie auch der österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenen in Serbien beauftragt war. In Österreich-Ungarn und Serbien sowie in allen anderen Ländern waren die Regierungen auf jene Ausmaße, die Kriegsgefangenschaft in den vier Jahren weltweit annehmen sollte, nicht ausreichend vorbereitet – weder in der Registrierung der Gefangenen und der Fertigstellung der Unterkünfte für die Gefangenen noch für deren Versorgung. Eine Abhilfe stellte die schon im August 1914 in Genf als Zweigstelle des Roten Kreuzes gegründete Internationale Zentralstelle für Kriegsgefangene, die u.a. in der zentralen Erfassung von Daten, wie auch beim Empfang und Weiterleiten der Paket-, Brief- oder Geldsendungen an die Kriegsgefangene und Internierte einen wertvollen Dienst leisteten. Im Dezember 1914 entsandte so Serbien 40.000 Kronen für die Gefangenen in Österreich-Ungarn. Das Geld wurde über die Serbische Gesandtschaft in Bukarest an die Spanische Botschaft in Wien und das Konsulat der USA in Budapest, die als Vertreter Serbiens in Österreich-Ungarn in dieser Frage galten, weitergeleitet.24 Die Tätigkeit dieser Abteilung endete mit der Okkupation Serbiens im Herbst 1915. Einzel- und Gruppendeportationen der Bewohner Serbiens setzten sich aber weiter bis 1918 fort. Da sich die serbische Regierung im Exil auf der Insel Korfu befand, konnte sie die serbischen Gefangenen ausschließlich über die Vermittlung der Neutralen erreichen. Das Hilfsbüro für serbische Kriegsgefangene in Genf sandte so im Laufe eines Jahres 300.000 kg Brot in das Lager Aschach.25 Die Gefangen selbst versuchten ihr Anliegen bei den Besuchen der Vertreter des Roten Kreuzes oder anderer Hilfsorganisationen darzulegen. In ihrem, 1917 in Schweden veröffentlichten, Memorandum richtete die Sozialistische Partei Serbiens einen Appell an die „zivilisierte Welt“ wegen „der Internierung von 150.000 serbischen Untertanen Österreich-Ungarns“, unter welchen sich „über 60-jährige und Tausende Frauen und sogar Kinder zwischen 8 und 15 Jahren befinden“.26

Hilfe kam auch von Privatpersonen aus Serbien und aus dem Exil, wie auch von den serbischen Organisationen in den Ländern der Alliierten oder Neutralen. In der Okkupationszeitung Beogradske novine boten die Banken die „Überweisung von Geldsendungen an Kriegsgefangene und Internierte – schnell und günstig“ an. Allerdings verlor das eingetroffene Geld vielfach an Wert, da die Auszahlung nach einem von den Lagern bestimmten Wechselkurs in Lagergeld ausbezahlt wurde. Der Versand von Privatpaketen aus Serbien gestaltete sich bis 1918 schwierig. Eine Belgrader Ärztin vermerkte in ihrem Tagebuch im März 1918:

„Unlängst besuchten Journalisten aus neutralen Ländern einige Lager in Deutschland, Ungarn und Österreich, darunter auch das berüchtigte Lager in Mauthausen, wo 30.000 Serben festgehalten werden, von denen die meisten an Tuberkulose leiden. Im selben Lager befindet sich auch eine große Anzahl an italienischen Soldaten. Manche sagen, und wir glauben es auch, dass in Folge dieses Besuches eine Erlaubnis erlassen wurde, aus Serbien Pakete an die Internierten und Gefangenen zu schicken.“ 27

Von den ersten Gefangenengruppen aus Serbien, die im Sommer 1914 in Gefangenschaft gerieten, starben viele schon während des Transportes oder in den ersten Tagen und Monaten – an Erschöpfung, Krankheiten, Kälte, wie das auch im KGL Mauthausen der Fall war. Zahlreiche waren sehr geschwächt, waren nur notdürftig bekleidet deportiert worden und die vorgesehenen Unterkünfte waren bei ihrer Ankunft noch nicht bezugsfertig. Sie verstarben zum Teil noch bevor begonnen wurde, ihre Daten systematisch zu erfassen. Die Zahl dieser Toten und vor allem ihre Namen sind daher nur zum Teil bekannt.

Demzufolge dezimierten Epidemien die Zahl der Gefangenen ebenso wie Mangelernährung und die daraus resultierende Krankheiten. Erhalten gebliebene Totenbücher geben gewissermaßen Aufschluss über die Todesursachen. Ab 1916 lässt sich eine auffallende Häufung der Todesursache „Erschöpfung“ feststellen. Vermehrt wurden des Weiteren auch Marasmus und Darmkatarrh als Todesursache angegeben. Zahlreiche gingen außerdem an Lungenkrankheiten zu Grunde. Insbesondere bei den über 70jährigen führten Herzlähmung bzw. Herzinsuffizienz wie auch Alters- und allgemeine Körperschwäche zum Tod. Gegen Kriegsende erlagen einige Gefangene außerdem der Spanischen Grippe.28

Aufgrund der hohen Sterblichkeit, aber auch der Tatsache, dass die Anzahl der Gefangenen manches Mal auch zehnfach die Bevölkerungszahl der für die Lager bestimmten Ortschaften überstieg, mussten schon vom ersten Tag der Gefangenschaft an, eigene Lagerfriedhöfe errichtet werden. Die Toten wurden in Einzel-, Doppel-, Gruppen- und Massengräbern bestattet. In einigen Lagern wurden als Ersatz für eine Kirche, Synagoge oder Moschee, Gebetsbaracken bzw. Gebetsräume und seltener auch Kapellen errichtet. Mit Ausnahme der Zeit des größten Massensterbens unter den serbischen Gefangenen – von Ende 1914 bis Frühling 1915 und im Winter 1916/1729, als die Toten in Massengräbern bestattet wurden, begleiteten serbische Seelsorger die Lagerbegräbnisse. In den Lagern Doboj und Arad war das allerdings nicht gestattet, obwohl es unter den Gefangenen zahlreiche Priester gab. Im Falle der Serbisch-Orthodoxen könnte man ironischerweise sagen, dass es an Geistlichen in keinem Lager mangelte. Sie wurden als besonders verdächtig schon ab der Julikrise in Bosnien und Herzegowina inhaftiert. Viele von ihnen wurden an Ort und Stelle oder in den Gefängnissen von Bosnien-Herzegowina und Kroatien hingerichtet, der Rest interniert. Im okkupierten Serbien wurden sie sofort interniert.

Аустроугарска монархија

In größerer Zahl kamen Serben in folgenden österreichisch-ungarischen Gefangenenlagern unter: Neusiedl am See/Nezsider, Frauenkirchen/Boldogasszony und Forchtenstein/Fraknóváralja (Burgenland); Mauthausen, Aschach an der Donau, Marchtrenk, Katzenau und Braunau am Inn (Oberösterreich);  Brunn am Gebirge und Drosendorf (Niederösterreich); Tahlerhof bei Graz (Steiermark); Grödig (Salzburg); Heinrichs­grün/Jindřichovice,  Braunau/Brоumov und Märzdorf/Martínkovice (Tschechien); Veľký Meder/Nagymegyer (Slowakei); Еsztergon, Czegled, Czinkota, Kormoran, Kecskemét und Túrony (Ungarn); Arad (Rumänien); Doboj (Bosnien und Herzegowina).

Für den Standort wurden vor allem kleinere Ortschaften, die sich an einer Bahnstrecke befanden, ausgewählt. Die Einwohnerzahl dieser Ortschaften vervielfältigte sich mit der Ankunft der Gefangenen.30 Durch die Anforderungen, die das Errichten eines Gefangenenlagers und die Versorgung und Unterkunft von Tausenden Menschen für drei oder vier Jahre mit sich bringt, kamen sie bald an ihre Grenzen. Die Kriegsgefangenen standen laut den Gesetzen und Gebräuchen des Landkriegs (Haager Landkriegsordnung), die in den Haager Konferenzen (1899/1907) schriftlich festgelegt wurden, unter Schutz. Die Verordnung wurde vor dem Krieg auch seitens Österreich-Ungarns und des Königreichs Serbien unterzeichnet und mit Kriegsbeginn spezifiziert. Die Behandlung der gefangenen Zivilbevölkerung unterlag allerdings den Gesetzen des jeweiligen Landes bzw. der jeweiligen Region, was zu unterschiedlichen und wechselhaften Regelungen führte.

Логор Маутхаузен 1914.–1918.

Unmittelbar nach Kriegsbeginn im September 1914 wurde in Mauthausen mit der Errichtung des sogenannten „Serbenlagers“ begonnen. Das im Januar 1915 fertiggestellte Areal sollte aus acht Teillagern mit jeweils 60 Baracken bestehen. Die ersten serbischen Kriegsgefangenen wurden bereits Ende Oktober 1914 aus den Lagern in Westungarn oder direkt von der Front nach Mauthausen in Oberösterreich überstellt. Die Unterkünfte waren zu diesem Zeitpunkt noch im Entstehen. Das große Lager, das für bis zu 40.000 Gefangene geplant war, gibt es nicht mehr. An seine Existenz erinnert der Soldatenfriedhof im Ortsteil Reiferdorf. Das Österreichische Schwarze Kreuz kümmert sich seit 1919 um die Grabstätten. Auf dem Lagerfriedhof befindet sich seit 1922 ein Denkmal, das vom Bildhauer Paolo Boldrini (1887–1965) erschaffen wurde. Boldrini war selbst ehemaliger Gefangener und wurde von der italienischen Regierung mit der Gestaltung des Denkmals beauftragt. Außerdem befindet sich auf dem Friedhof eine italienische Kapelle sowie fünf der ursprünglich sechs Gedenksteine mit der Aufschrift „Hier ruhen Serben“. Zur Erinnerung an die weit über 10.000 hier bestatteten Serben wurde im Jahr 2016 der Grundstein für die serbische Gedächtniskapelle gelegt, die sich heute auf diesem Friedhof befindet. Epidemien dezimierten die Zahl der Gefangenen ebenso wie Kälte, Mangelernährung und die daraus resultierenden Krankheiten. Viele verstarben, bevor ihre Daten systematisch erfasst werden konnten. Die Zahl dieser Toten und vor allem ihre Namen sind daher nur zum Teil bekannt. Erhalten gebliebene Totenbücher geben Aufschluss.

„Etwas wird all jene, die diese Gegend in Zukunft passieren werden, an die Serben erinnern – der serbische Friedhof. Die schöne, solide und geschmackvoll gebaute, von einem Park umgebene Friedhofskapelle wird jeden Reisenden anhalten, sich an all jene zu erinnern, die hier, weit weg von ihrer Mutter und allen ihnen Lieben gestorben waren.“

Textauszug über den Friedhof des KGL Mauthausen,
serbische handschriftliche Lagerzeitung Puls, 21. März 1916

Логор Ашах на Дунаву 1915.–1918.

Das KGL Hartkirchen-Deinham bei Aschach an der Donau wurde im Jahr 1915 errichtet. Es erstreckte sich über rund 130 Hektar und umfasste mehr als 450 Baracken. Obwohl es ursprünglich als Kriegsgefangenenlager konzipiert war, wurden hier auch zahlreiche serbische Zivilisten deportiert. Das Lager, das für eine Belegung mit 28.000 bis 34.000 Mann ausgelegt war, existiert nicht mehr. Geblieben ist der Serbische Friedhof als Gedenkstätte. Das Österreichische Schwarze Kreuz kümmert sich seit 1919 um die Grabstätten. Die Zahl der Toten und vor allem ihre Namen sind daher nur zum Teil bekannt. Erhalten gebliebene Totenbücher geben in gewisser Weise Aufschluss.

Ab 1916 ist eine auffallende Anhäufung von überwiegend über 55-jährigen, aber auch von vereinzelt jungen Menschen, sogar 15-Jährigen, zu verzeichnen, die an „Erschöpfung“ starben. Ab diesem Zeitpunkt wurden vermehrt auch Marasmus, Körperschwäche und Darmkatarrh als Todesursachen angegeben, die unter anderem auf mangelnde Ernährung, klimatische Umstände und allgemeine physische und psychische Kraftlosigkeit zurückzuführen sind. Weiterhin starben sie an Nierenentzündung, Darmtuberkulose, Blutvergiftung, Lungenschwindsucht, Lungenentzündung, Hirnhautentzündung, eitriger Gehirnentzündung, Luftröhrenentzündung und Rippenfellentzündung. Insbesondere bei den über 70-Jährigen führten Herzlähmung bzw. Herzinsuffizienz sowie Alters- und Körperschwäche zum Tod. Zu Kriegsende erlagen einige Gefangene der Spanischen Grippe, darunter der letzte am 13. November 1918 im KGL Hartkirchen-Deinham eingetragene Tote aus Serbien.

„Von allen Kriegswintern war jener 1916/1917 am schwierigsten. […] Man benötige keinen Thermometer, um  die Temperatur zu messen, […]  die Zahl der Toten war der Maßstab. […] Ich erinnere mich, wie wir wochenlang ohne Kohle ausharren müssten und wenn wir etwas bekamen, dann statt Kohle, pro Person fünf Kilo Kohlenstaub für 24 Stunden. Den mussten wir mit Gips mischen, um ihn anzünden zu können. Zu essen gab es nur Rüben. Es kam vor, dass Leute starben, ohne krank zu sein, einfach so, ihr Herz hörte auf zu schlagen. Manche Männer wogen nicht mehr als 30 Kilo. […] Mitte 1917, dank Hilfe aus dem Ausland, Paketen von der Familie oder Organisationen über das Rote Kreuz, besserte sich die Lage etwas. […]  Die meisten unserer Leute ziehen sich in ihre eigenen Gedanken zurück. Sie schweigen, warten und blicken in die Ferne. Ihre Gedanken irren herum, ihre Seele wandert in die Ferne. Hier neben dem Lager fließt die Donau, jene Donau, die auch bei uns fließt, nur hier etwas kleiner und schneller, aber das ist dieselbe Donau. Wie oft geschah es, dass im Frühling ein Grashalm, im Sommer ein Blatt vom Baum und im Herbst und Winter ein trockener Zweig, aus der Hand eines Gefangenen in die Donauwellen geworfen wird, um die Gegend zu grüßen, aus der man gekommen war, um die Lieben, die man dort zurückgelassen hatte zu grüßen.Und so viele Tränen nahm die Donau auf […].“

Der Jurist und Politiker Živko Topalović, (Auszug aus einem 1918 veröffentlichten Apell)

Логор Нежидер (Neusiedl am See)

Serbische Zivilinternierte befanden sich in Lagern in Österreich-Ungarn, Bulgarien, Deutschland und im Osmanischen Reich. Das Internierungslager Neusiedl am See (damals Nezsider) ist eines von drei Lagern für serbische Zivilisten im heutigen Burgenland. Damals gehörte die Region zum ungarischen Komitat Mosony. Zwei weitere Lager waren: Neckenmarkt (Sopronnyék) und Frauenkirchen (Boldogasszony). Hier wurden ab Kriegsbeginn kontinuierlich Tausende Zivilisten serbischer Nationalität deportiert. Das Internierungslager Neusiedl am See wurde im Sommer 1914 in unmittelbarer Nähe zur Ortschaft errichtet und bestand aus 120 Baracken, in denen durchschnittlich 11.000 Personen gefangen gehalten wurden. Anfänglich wurde eine Kaserne für die Unterbringung genutzt. Die ersten Gefangenen in diesem Lager waren Serben, Staatsbürger der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, überwiegend aus den Habsburgischen Ländern Bosnien und Herzegowina, Slavonien, Dalmatien und der Vojvodina. Nach den ersten Kriegshandlungen im Königreich Serbien im Jahr 1914 und der Okkupation Serbiens im Herbst 1915 wurden hier weitere Teile der serbischen Zivilbevölkerung deportiert, darunter auch Frauen, Kinder und ältere Menschen. Gleich nachdem die ersten Internierten in Neusiedl am See angekommen waren, zeigte sich die Notwendigkeit, einen eigenen Lagerfriedhof zu errichten. Die hohe Sterberate ist auf Überbelegung, mangelnde Infrastruktur, Kälte, knappe Ernährung und daraus resultierende Krankheiten wie den Ausbruch von Fleckentyphus im Jahr 1915 zurückzuführen.

Aus dem Lager in Neusiedl am See ist das sogenannte „Sterbebuch“ erhalten geblieben. Der Friedhof existiert nicht mehr. Nach der Teilexhumation nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die sterblichen Überreste und die Grabsteine auf den Ortsfriedhof überführt. Um diesen kümmert sich heute die Gemeinde und das Österreichische Schwarze Kreuz.

„Als das Zweite Ungarische Husarenregiment im August 1914 die Kaserne von Neusiedl (Nezsider) verließ, um auf den Kriegsfeldern von Galizien zu kämpfen, wurde diese Kaserne zum Lager für serbische Staatsbürger, die sich zu Kriegsbeginn in der ungarischen Hälfte befanden, sowie für weitere gefangene Serben. Im Erdgeschoss befanden sich Pferdeställe, in denen gefangene Bauern untergebracht waren, im oberen Stockwerk die „Mantelträger“, wie sie die Militärs nannten. Sie wurden in mehrere Kategorien unterteilt – die höchste waren die sogenannten Intellektuellen. […] Die österreich-ungarische Armee drang erneut in Serbien ein und neue Gefangene füllten unser Lager. Das waren Bauern aus der Mačva und der Umgebung von Šabac. Ausgelaugt von den Kriegsereignissen und erschöpft von der Fahrt sahen sie aus wie Geister. Sie wurden ins Erdgeschoss, in die Pferdeställe, verfrachtet. Müde legten sie sich auf die Reste des verfaulten Strohs nieder. Unter ihnen brach eine unbekannte Krankheit aus, gegen die es kein Heilmittel gab. Die Gefangenen starben wie die Fliegen: anfangs ein oder zwei pro Tag, später immer mehr. Ihre Erzählungen töteten in uns jegliche Hoffnung. Das Leben im Lager wurde mit jedem Tag schwieriger. Die Krankheit nistete sich ein und der Tod mähte alles nieder. Es gab Tage, an denen man aus unserem Abteil zehn Leichen, eine nach der anderen wegtrug, um sie in eine Grube zu werfen.“ 

Der Mathematiker Milutin Milanković, (aus seinem Buch „Erinnerungen …“,1952)

[1] Um die 5.000 kriegsgefangenen Serben wurden aus den Lagern Österreich-Ungarns 1917 und 1918 als Arbeitskräfte (Eisenbahn- und Kanalbau, Minenarbeit etc.) in das Osmanische Reich verlegt. Auch wurden serbische Zivilisten aus dem bulgarischen Okkupationsgebiet Serbiens dorthin deportiert.

[2] Als österreich-ungarische Militärangehörige gelangten Serben somit auch in die Lager Russlands, Italiens und Japans.

[3] In den vier Jahren verlor Serbien 28% seiner Gesamtbevölkerung, mehr als irgendein anderes Land, darunter zwei Drittel Zivilisten und 53% der männlichen Bevölkerung im Alter von 18 bis 55 Jahren. Dazu kamen 260.000 Invalide und Kriegsversehrte. (Sundhaussen, Holm: Geschichte Serbiens. Wien, 2007, 228.) Auch wenn es gewisse Schwankungen in den Angaben verschiedener Quellen über die Höhe der Kriegsverluste gibt, bleibt das Königreich Serbien das Land mit den größten Verlusten unter der Bevölkerung im Ersten Weltkrieg. (vgl. u. a. Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn, 2002.)

[4] U. a. Vemić, Mirčeta: ”Pomor Srba ratnih zarobljenika i interniranih civila u austrougarskim logorima za vreme Prvog svetskog rata 1914–1918”, in: ZMS za društvene nauke, 147/2, Novi Sad, 2014, 201-234, 203.

[5] Denda, Dalibor: ”Srpski ratni zarobljenici u Velikom ratu”, in: Rudić S./M. Milkić: Prvi svetski rat, Srbija, Balkan i velike sile. Istorijski institut, knj. 30, Beograd, 2014, 269-290, 271.

[6] Bojić, Dušica: „Serbian Refugees in the First Wold War“, In: Painters / Warriors / Witnesses. Painting and Photography in Serbia 1914-1918. Belgrade, 2017, 107-127, 123.

[7] Report sur les Dommages causés à la Serbie et au Monténégro présenté à la Commission des Réparations des Dommages. Délégation du Royaume des Serbes, Croates et Slovènes à la Conférence de la Paix, Paris, 1919. Aufgrund der gesammelten Daten währen des Krieges, lag diese Zahl, nach der Schätzung der Regierung, zwischen 50.000 und 100.000. (Novakovic, Mileta: L’occupation Austro-Bulgare en Serbie. Nancy, 1918, 37). S. auch: Krizman, B. / Hrabak, B. (Hg.):  Zapisnici sa sednica Delegacije Kraljevine SHS na Mirovnoj konferenciji u Parizu 1919-1920, Beograd, 1960, 329-327.

[8] Cholakov, Rumen: Prisoners of War in Bulgaria during the First World War. Cambridge: Cambridge University Press, 2012, 13.

[9] Verena Moritz: „Rahmenbedingungen und Überlegungen zu neueren Forschungen über Kriegsgefangenschaft im Habsburgerreich”, in: V. Moritz, J. Walleczek-Fritz (Hg.): Kriegsgefangenschaft in Österreich-Ungarn 1914–1918, Wien 2022, S. 19–104.

[10] In der Vorkriegspresse, wie auch in den Dokumenten wurden die Serben der Monarchie überwiegend als „orthodoxe Bewohner“ im Unterschied zu den Serben aus dem Königreich Serbien, die als Reichserben oder Serben bezeichnet wurden.

[11] In mehreren Tageszeitungen (Neue Freie Presse, Reichspost, Grazer Tagblatt, etc.) wiederholen sich in der zweiten Julihälfte 1914 diese Nachricht mit überwiegend ähnlichem Inhalt.

[12] Auffenberg-Komarów, Moriz, Freiherr von: Aus Österreichs Höhe und Niedergang- eine Lebensschilderung, München, 1921, 264.

[13] Unter ihnen auch berühmte serbische Schriftsteller in Mostar (Herzegowina) – Aleksa Šantić und Svetozar Ćorović, wie auch Ivo Vojinović in Dubrovnik.

[14] Kisch, Egon Erwin (1951): Schreib das auf Kisch! Leipzig, 76-81.

[15] Popović, Ljubodrag (1987): „Srpski internirci u logorima Austrougarske 1916. godine“, In: Zbornik radova, Istorijski institut, 5/1987, Beograd, 309-320, 317.

[16] Mundschütz, Reinhard: „Raabs an der Thaya“, in: Die Internierungslager für Zivilisten in Niederösterreich während des Ersten Weltkrieges. 2018.

[17] Aleksandar Aca Binićki war ein in Belgrad geborener Opernsänger sowie Theater- und Filmschauspieler. Er schloss sein Gesangs- und Schauspielstudium in München ab. Binićki war der Bruder des berühmten serbischen Komponisten Stanislav Binićki – der das Orchesters der Königsgarde in der serbischen Armee dirigierte und 1914 den mittlerweile weltberühmten Drina-Marsch komponierte.

[18] Bora Rašković, gebürtig aus Šabac, war einer der bekanntesten Schauspieler der Vorkriegszeit, ein Doyen des Zagreber Theaters.

[19] Denda: Srpski ratni …, 2014: 273.

[20] Mehr in: Ilić Marković, Gordana: „Im eigenen und im fremden Land gefangen. Serbische Internierte des Ersten Weltkrieges in Österreich-Ungarn“, in: Moritz, Verena / Walleczek-Fritz, Julia (Hg.), Kriegsgefangenschaft in Österreich-Ungarn 1914–1918, Böhlau Verlag Wien-Köln, 2022, 435-465.

[21] Mehr dazu in: Ilić Marković, Gordana: Der Große Krieg. Der Erste Weltkrieg im Spiegle der serbischen Literatur und Presse, Wien, 2014.

[22] Vgl. u. a. Ilić Marković, Gordana: “Ratna periodika, dnevnici i memoari kao izvor za proučavanje istorije Prvog svetskog rata – Srem 1914”, In: Spomenica Istorijskog arhiva „Srem“, 15, Sremska Mitrovica, 2016, 97-110.

[23] Das Material wurde in Archiven und Bibliotheken Serbiens und Österreichs gesammelt. Weitere Geschichtszeugnisse wurden als Erinnerungsstücke im Privatbesitz der Nachkommen sichergestellt.

[24] Popović, Ljubodrag: „Srpski internirci u logorima Austrougarske 1916. godine“, In: Zbornik radova, Istorijski institut, 5/1987, Beograd, 1987, 309-320, 315.

[25] Golker, Adolf / Eggerstorfer, Johann: Bilder einer vergessenen Stadt. Das k.u.k. Kriegsgefangenenlager Aschach / Hartkirchen 1915-1918. Aschach-Hartkirchen, 2015, 53.

[26] Un appel des Socialistes serbes au Monde civilisé, avec préface de Camille Huysmans.

[27] Mihajlović, Slavka: Oblaci nad gradom. Beograd, 1955, 169.

[28] Vgl. Eintragungen zu: Milenko Đuković,  85 Jahre, Herzschwäche, 21.1.1916; Milorad Selaković, 75 Jahre, Altersschwäche, 26.4.1916 (Totenbuch, KGL Aschach an der Donau/Hartkirchen).

[29] Ein Lehrer aus Serbien vermerkte in seinem Artikel nach dem Krieg, dass im Lager Aschach an der Donau an manchen Tagen über 100 Personen starben und dass es in diesem Winter insgesamt 4.000 Tote gegeben habe. (Maksić, Stanoje: Srednja škola u zarobljeničkom logoru u Ašahu,  In: Kangrga, J. / Kostić, M., Nastavnik, Beograd 1919, 207-210: 208).

[30] Vor dem Krieg hatten etwa Mauthausen, Aschach an der Donau, Braunau am Inn, Marchtrenk, Frauenkirchen oder Neusiedl am See zwischen 1.700 und 3.000 Einwohner.